Der Tod eines Klingeltons
[Kommentar]
Der Aufstieg und Fall Nokias

Vor nicht allzu langer Zeit war ein Klingelton, der aus 13 Noten besteht, der Soundtrack der mobilen Revolution. Bis 1998 war er unter dem Namen "Gran Vals" in den Einstellungen aller Nokia-Handys zu finden, ehe man die Melodie in "Nokia Tune" umbenannte. Dieser große Schnipsel der Mobilfunk-Geschichte wurde vom einstigen Weltmarktführer und Innovator in Sachen Design und Technologie populär gemacht - Nokia.
Aktuell besteht jedoch die Gefahr, dass der kultige Klingelton bald für immer auf Stumm geschaltet werden könnte. Massenentlassungen, Herabstufung durch Rating-Agenturen auf Ramsch-Niveau und mit die schlechtesten Quartalsergebnisse aller Zeiten: All die negativen Meldungen der vergangenen Wochen versetzten den Finnen einen Hieb nach dem anderen. Hinzu kommt, dass Samsung nun das Maß der Dinge ist und Nokia als Weltmarktführer in der Handy-Sparte vom Thron geschubst hat. Spekulationen, wie die des Business-Insider-Chefs Henry Blodget, über einen möglichen Bankrott Nokias in den kommenden Jahren, verbessern die Situation des Unternehmens wohl kaum.
Mehr als ein Jahrzehnt gab das finnische Unternehmen den Ton an, machte das Handy sowohl hierzulande als auch in Entwicklungsländern wie Brasilien und China für jedermann erschwinglich und verkaufte noch Anfang 2008 mehr Handys als Samsung, Sony Ericsson und Motorola zusammen. Was aber ist in den vergangenen fünf Jahren passiert? Nachdem Nokia halbwegs unbeschadet den riesigen Erfolg der Razr-Reihe von Motorola und damit den Klapphandy-Boom überstanden hat (2004 - 2007), ging man ab Ende 2007 am iPhone zugrunde.
Nokia konnte bis dato mit fortschrittlicheren und besser aussehenden Handys gegenüber der Konkurrenz punkten. Das Unternehmen war aber nicht in der Lage, dieses Denken und Handeln auf die aufkeimende und sich transformierende neue Ära der Telekommunikation umzusetzen. Apple hingegen machte dem Nutzer schnell klar, dass man statt langweiligen Handys mit auswechselbaren, bunten Schalen, einen kleinen Computer mit Touchscreen namens iPhone bei sich tragen sollte. Darauf war man bei Nokia nicht vorbereitet. Das Unternehmen konzentrierte sich auf das, was in den Jahren zuvor den großen Erfolg gebracht hat, verpasste dadurch aber den Sprung auf den Smartphone-Zug. Man wollte mit der N-Serie, allem voran dem Nokia N95, Nutzern den Weg zum mobilen Internet ebnen. Jedoch setzte man dabei weiterhin auf eine normale Tastatur und verlor somit das Rennen bereits an der Startlinie, an der die anderen Hersteller Geräte mit Touchscreen plazierten. Erst Anfang 2009 versuchte Nokia mit dem 5800 Express Music zu kontern. Mitte 2009, ungefähr zur selben Zeit als Apple bereits das iPhone 3GS auf den Markt brachte, folgte das N97 mit ausfahrbarer Tastatur. Vermutlich zu spät, denn auch Samsung gewann mit der Omnia-Reihe mehr und mehr an Zuspruch und konnte Nokia Marktanteile abnehmen.
Ein Grund warum Nokia bis zuletzt die meisten Marktanteile hatte, war das Geschäft in Entwicklungsländern. Dadurch, dass aber mittlerweile Android-Smartphones für 'n Appel und 'n Ei zu haben sind, verlieren die Finnen auch dort immer weiter an Boden.
Nokia, einst Hersteller von Gummistiefeln, Kabeln und Fernsehern, versucht sich durch die Kooperation mit Microsoft und dessen mobilem Betriebssystem Windows Phone aus der Krise zu befreien. Mit dem Lumia 800 und 900 findet der Hersteller zur alten Stärke zurück und vereint - wie vor Jahren - Design und die Eleganz der Bedienung. Die Verkaufszahlen steigen aber nur sehr langsam. Falls das Experiment mit Windows Phone schief gehen sollte, hat man angeblich einen "Plan B". Ob dieser dann das Unternehmen vor dem drohenden Aus retten kann, bleibt fraglich. Sollte Nokia es langfristig nicht schaffen zu überleben, wird sich vermutlich dennoch jeder an den legendären Klingelton erinnern.
vom 10.07.2012